Luise Deborah Daberkow

Luise Deborah Daberkow

Allgemein

Okay. Also jeder hat Stress, alle haben Stress, ich habe Stress. Es ist Eigenarbeitszeit.
Das heißt wir S c h a u s p i  e l e r müssen ein Stück schreiben, inszenieren und (natürlich) auch mitspielen. Als S c h a u s p i e l e r.
Abgesehen davon, dass ich nicht mal einen roten Faden oder eine sympathische Erzählerstimme in einer SMS hinbekomme und seit der Hausaufgabe in der vierten Klasse „schreibe einen Monat lang ein Tagebuch“ es hasse, Tagebücher zu schreiben, ist es auch nahezu, nein ich traue es mich zu sagen, unmöglich auf der Bühne zu stehen, zu spielen (fühlen ah der Satz klingt anders nein so würde meine Figur nicht stehen ah vielleicht sollte ich mich hinsetzten nein das hat sich nicht richtig angefühlt oh da muss ich meiner Spielpartnerin aber sagen dass sie das mit einer anderen Gefühlsfarbe sprechen sollte) u n d zu inszenieren. Unmöglich.
Ich also so an diesem wundervollen, sonnigen, sich an Wärme erinnernden Samstag: Ich geh jetzt shoppen.

Oh ja, ich bin nämlich ein Konsumkind, Madonna und ich haben nicht nur die Augenbrauen (das wurde mir mal bei einem anderen Fotoshootings gesagt und ich finde diesen wunderschönen und klugen und weisen Leuten sollte ich nicht widersprechen) gemeinsam sondern auch das Material Girls Gene. Ich liebe es mir mit kleinen Dingen den tag zu versüßen, und wenn es ´nur´ das Bio Kokswasser aus dem fancy LPG Prenzlauerberg wer hier nichts kauft sollte mal über sein ethisches Kaufverhalten nachdenken als Verbraucher hat man Macht und bitte auch sehr viel Kohle Laden ist.

Ich genieße also die Sonne, die entspannteren Berliner und die hysterischen Touristen, als es mir plötzlich auffällt.
Überall, wirklich üüüüberall Küsschen mit Paaren dran, Blumen, Blumen und Sukkulenten, aufgeregte Piepmätze und an anderen Popos schnuppernde Hunde.
Hormone fliegen durch die Luft. Klischees sind halt Klischees weil sie war sind. Ich schaue auf mein Handy. Komm schon, warum schreibst du mir nicht? Ich will auch rumquietschen und doof grinsend auf mein Handy starrend durch die Gegend laufen weil ER grad geantwortet hat und sich nicht drum kümmern das man dumm grinsend auf sein Handy starrt wie das coole Hipstermädchen das mir grad entgegenkommt.

Frühling, du Gefühlsferkel!
Gott sei dank hat der Mid-Season Sale begonnen. Natürlich kann ich als Schauspieler Studentin die kein Bafög bekommt nicht völlig meinen Verstand ausschalten, weshalb ich einhundertundzehn Kreise um das begehrenswerte Sweatshirt meiner Träume mache um dann doch ohne mein Yin zu meinem Yang aus dem Laden zu gehen. Sehe gleich die nächsten knutschenden Hipster an der Ampel. Ich wähle Rammstein auf meinem iPhone aus und Till brummt mir genüsslich ins Ohr dass sein Herz auch brennt. Hach Till, auf dich ist Verlass.

Zuhause angekommen bin ich völlig fertig und freue mich auf den veganen gluten- und zuckerfreien Salat den ich mir gleich machen werde. Leider nicht alles ethisch korrektes LPG Gemüse sondern studentfreundliche Netto Varianten.
Ich schaue auf mein Handy. Kurzes Innehalten. Meine Mundwinkel versuchen mit den Ohrläppchen Kontakt auszunehmen. Ich höre mich ohmeingottohmeingottohmeingott sagen. ER hat mir nämlich geantwortet. Frühling, du schönster Hormonwirbelwind du!

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Luise Deborah Daberkow, geboren 1991 in Berlin