Esther Lili Hafner

Esther Lili Hafner

Allgemein

Mein Vater war einer der letzten Menschen in Deutschland, der an Kinderlähmung erkrankte. Für mich war das als Kind schwer zu akzeptieren. Ich wollte nicht, dass mein Vater auf Krücken geht oder im Rollstuhl sitzt. Ich wollte mit meinem Vater Fußballspielen, spazieren gehen und alles machen, was für andere Kinder selbstverständlich war.

Ich weiß noch als ich bei einer Klassenkameradin zu Hause war und ihr Vater sie am Abend hoch gehoben hat, als er nach Hause kam. Aus dem nichts heraus, hat sie ihren Vater gefragt, ob er mich nicht auch hocheben kann, da mein Vater ja im Rollstuhl sitzt und das nicht kann. Trotz guter Absicht ihrerseits, war das für mich ein sehr beschämender Moment: Obwohl ich innerlich vor Eifersucht gekocht habe, wollte ich nicht von irgend einem fremden Mann hochgehoben werden, sondern von meinem Vater.

Dieses Ereignis hat mich dazu bewegt, die Kinderlähmung meines Vaters ein für allemal den Kampf anzusagen. Mein Vater hat uns damals erklärt, dass er nicht laufen kann, da er keine Bauchmuskeln mehr hat. Ich war felsenfest davon überzeugt, dass ich einen Weg finden werde, die Bauchmuskeln meines Vaters wiederaufzubauen. Ich konnte ihn relativ schnell davon überzeugen an meinem „Trainingsprogramm“ teilzunehmen. Wir haben jeden Tag verschiedene Kraftübungen gemacht, die ich mir ausgedacht habe. Stundenlang habe ich seinen Bauch und seine Beine massiert und geklopft, mit der Hoffnung, dass sich dadurch die Bauchmuskeln wieder „aktivieren“. Ich spüre gerade einen Kloß in meinem Hals, wo ich dieses hier schreibe.

Als Kind war mir nie bewusst, wie schwer diese Zeit für meinen Vater gewesen sein muss, da ich ihn jeden Tag daran erinnert habe, dass er nicht laufen kann und an den Gedanken festgehalten habe dieses zu ändern. Der Wunsch, dass mein Vater wieder laufen kann hat mich viele Jahre begleitet. Irgendwo sitz dieser Wunsch auch noch versteckt in mir. Dennoch habe ich angefangen, die Behinderung meines Vaters mit anderen Augen zu sehen. Behinderung ist allgemein ein komisches Wort. Die Kinderlähmung hat meinen Vater nämlich nie daran gehindert am Leben teil zu nehmen. Ganz im Gegenteil: Mein Vater hat sich nie von seiner Kinderlähmung lähmen lassen, sondern hat auf Grund seiner schmerzhaften Erfahrung, dafür gekämpft, dass zu erreichen, was er sich in den Kopf gesetzt hatte. Mein Vater hat mir und meinen zwei Geschwistern, Mirijam und Daniel vor allem zwei Dinge mitgegeben: Empathie für andere Menschen. Menschen nicht nach äußeren Faktoren zu beurteilen. Das klingt so selbstverständlich, aber in vielen Fällen ist dieses leider nicht so. Des Weiteren haben wir alle drei gelernt mit Krisen und schmerzvollen Erfahrungen anders umzugehen: Auch die dunkelsten Tage im Leben, der tiefste Schmerz kann immer eine Motivation für Veränderung sein.

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Esther Lili Hafner, geboren 1989
Agentur