Antonia Joséphine Meier

Antonia Joséphine Meier

Allgemein

Ich behaupte, dass jeder Mensch im Leben ein großes Ziel hat. Die größe dieses Ziels ist natürlich individuell festgelegt. Viele Schauspieler sind absolute Idealisten und würden den Beruf über alles stellen.
Auch ich würde mein letztes Hemd dafür geben, diesen Beruf bis auf die letzte Träne auszukosten und doch ist mir letztens etwas klar geworden: Es gibt ein Thema, das mir noch wichtiger ist und zwar die Liebe.

Ich meine jetzt nicht eine allgemeine Liebe, sondern die Liebe zu einem Partner. Wenn ich es mir genau überlege, war das schon immer mein höchstes Gut. Alleine im Kinderladen war ich dermaßen verliebt,ich dachte, ich müsste sterben, als er in die Grundschule kam. Ich hätte ihm mein letztes Spielzeug gegeben und wie wütend war ich, dass kein Erwachsener die Ernsthaftigkeit der Lage erkannt hat. Ich war krank vor Liebe.

So ging das in der Grundschule weiter, zwei Mal. Und dann die Pubertät. Nun bin ich 24 (ich weiß, ich formuliere das immer so, als ob ich uralt wäre, aber hey, ich bewege mich auch in der Theaterwelt), habe vier Beziehungen hinter mir und fühle mich, als ob ich vor einem großen Loch der Sehnsucht stehe.

Viele meiner Freunde haben so richtig schön ernsthafte Beziehungen, zukunftsorientiert und so. Oder lernen Menschen auf solch abgefahrene Weise kennen. Ich sitze zuhause, mich packt der Neid, zwei Tage Tinder- Nein! (Neid ist echt so ein Thema – manchmal werde ich nahezu aggressiv, wenn ich ein Pärchen sehe, dass dann auch noch extra langsam vor mir zu laufen scheint oder all die Mütter in Friedrichshain, die hoheitsvoll mit ihren Retro-Kinderwägen durch die Gegend flanieren). Wenn ich durch die Straßen laufe, dann nie ganz entspannt. Es kann ja immer sein, dass mir ansonsten meine große Liebe entgeht. Überall erhoffe ich sie mir und mache mir so mein Leben etwas aufregender: ‚Uh, ich steige gleich ins Flugzeug, mal sehen, wer da so neben mir sitzt.‘ ‚Gerade war die Ampel noch grün, aber sie ist jetzt rot und nun stehe ich hier neben diesem Typen, soll das ein Zeichen gewesen sein?‘ (Der Witz ist, wenn ich angelächelt werde, nehme ich sofort einen völlig neutralen Gesichtsausdruck aus meinem Spielrepertoir, bin damit beschäftigt, ob die Tomatensauce meines Mittagessens noch auf meiner Nase hängt, außerdem erhalte ich echt noch einen wichtigen Anruf und die Frau neben mir hat viel schöneres Haar, also nein.)

Nun natürlich die Frage: Was ist für mich die große Liebe? Ist es etwas wirklich realistisch bodenständiges? Oder ist es nur ein Konstrukt meines zu großen Kopfes? Ich kann diese Frage so schwer beantworten, weil ich denke, dass ich noch nie eine Beziehung hatte, die wirklich erfüllend und einfach gewesen wäre. (Außer vielleicht die in der Pubertät, aber da habe ich noch ne Zahnspange getragen.) Dauernd frage ich mich, ob ich die richtige Person weggeschickt habe, ob ich sie schon kenne. Ob es vielleicht nicht das Große ist, was ich daraus mache.

Eine große Liebe verbinde ich mit einem Schmerz. Die Person ist nicht da, ich fühle mich allein. Die Person ist da, es ist zu schön um wahr zu sein. Einer Sehnsucht, Freude, Offenbarung, Wärme und Halt. Ich könnte Stunden lang so weiter machen. Ich frage mich – wie spürt man, das man die richtige Person gefunden hat? Antwort vieler Freunde: Man spürt es einfach. Und dann laufe ich über die Warschauer Brücke, vorbei an brüllenden Menschen, diversen Kotzbröcklein auf dem Boden und dem ultimativen Pissgeruch in beiden Nasenflügeln und denke mir: ‚Wie zur Hölle schaffe ich das? Wie soll ich mich hier finden lassen? Wie soll ich finden? Und lasse ich mich überhaupt finden?‘ Nun ja, vielleicht ist es auch einfach der Sinn meines Lebens: herauszufinden was die Liebe für mich ist. Und dann kommt ja gleich die nächste Frage- halte ich es aus, wenn ich sie gefunden habe? Die Liebe ist auf jeden Fall mit einer großen Angst verbunden, vor allem mit Verlust.

Wir wollen nicht alleine sein, Punkt. Seit ich denken kann, muss ich weinen, wenn ich einsame Menschen sehe, also Menschen, von denen ich annehme, das sie einsam sind. Manch einer kann mich jetzt besonders empathisch nennen, aber vielleicht ist es auch purer Egoismus! Ich habe einfach Angst, leer auszugehen. Am Ende nicht sagen zu können: Ich bin zu frieden, egal was passiert, ich hatte ein erfülltes Leben. Aber nach diesem Bild strebe ich, denn im Grunde genommen können wir so irre und selbstverwirklichend sein, wie wir wollen – alleine ist scheiße!!

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Antonia Joséphine Meier, geboren 1991 in Saint-Priest-en-Jarez, Frankreich
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