Robert Speidel

Robert Speidel

Allgemein

Je voudrais faire un service civil – Mit diesem Satz lief ich zwei Tage durch Paris auf der Suche nach einem Job, den ich in Deutschland als „Anderen Dienst im Ausland“ verkaufen könnte. Jedesmal wenn ich den vorher auswendig gelernten Satz nebst etwas französischem Geplenkel in hartem deutschen Akzent aufsagte, blickte ich in verständnislose, geradezu überforderte Gesichter. Die Augen verkniffen, der Mund meist offen.

Ich war 20 Jahre alt und wollte weg aus der norddeutschen Kleinstadt. In Paris verliebte ich mich schon als ich das erste Mal mit elf Jahren samt meinen Eltern die Osterferien bei meinem Großonkel Walter verbrachte. Während meine Eltern was-weiß-ich in der Stadt der Liebe machten, nahm mich mein Onkel an die Hand und schlenderte mit mir und seinem Hinkebein stundenlang durch Paris. Er wusste alles über diese Stadt, ihre Geschichte und- so kitschig das klingen mag- ihre „magique“.
„In diesem Gebäude habe ich zwei Jahre als Elektriker gearbeitet. Damals war das die Hauptloge der Freimaurer. Die wollten mich rekrutieren, aber ich war immer Arbeiter“, „Dort in diesem Haus hatten die Alliierten nach dem Krieg ein Bordell eingerichtet. Da kam nicht jeder rein, aber… das erzähle ich dir ein anderes Mal, Junge…“ oder „Als hier in den Hallen noch ein richtiger Markt mit frischen Lebensmitteln und lauten Marktschreiern war, sah auch das ´Au pied de Couchon´ noch ganz anders aus. Damals hat dein Vater hier mit mir nach dem Wocheneinkauf morgens um 6 sein erstes Bier getrunken…“ Mein Gesicht damals kann man sich vorstellen: Der Mund WEIT offen.

Eine gute Freundin, die besser Französisch sprach als ich, begleitete mich also 2004 kurz nach dem Abi und half mir bei der Stellensuche in Paris. Wir gingen in Krankenhäuser, Kindergärten, Behinderteneinrichtungen und Altersheime. Überall das Gleiche: Schulterzucken und Kopfschütteln. Kurz bevor wir endgültig verzweifelten, setzen wir uns in ein Café und wir überlegten, was an dem Satz nun nicht stimmen könnte. War meine Aussprache wirklich derart unverständlich? Plötzlich schaltete sich ein netter Herr vom Nebentisch ein, der den Satz wohl deutlich verstanden hatte, und schickte uns zum Hôtel de Brienne, 14 rue Saint- Dominique, im 7. Arrondissement. „Warum heißt hier eigentlich immer alles Hotel?“, dachte ich noch- egal. Voller Tatendrang und Vorfreude machten wir uns wieder auf den Weg.
Aber als wir aus der Metrostation ausstiegen, kam es mir schon irgendwie komisch vor- alles sah so offiziell aus. In das Hauptgebäude zu gelangen war aussichtlos, zuviele verkniffene Gesichter von Uniformierten, die stehend stur geradeaus blickten und so gar nicht gesprächig aussahen. Also gingen wir zu einer Art verglaster Pförtnerhütte davor, dort saßen die Uniformierten wenigstens und machten einen nicht ganz so grießgrämigen Eindruck. „Je suis de l´Allemagne et je voudrais faire mon service civil…ici…à Paris…non?“, sagte ich wieder brav, diesmal mit gar nicht so leichtem Zittern in der Stimme. Plötzlich ging alles ganz schnell: Wir wurden an die Wand gestellt, mussten uns umdrehen, wurden von oben bis unten durchsucht und sollten dann unsere Personalien aushändigen. Zwei von den Grießgram- Uniformierten wurden herbeigeschrien, die mit unseren Ausweisen im Hauptgebäude verschwanden, zwei andere blieben mit den Gewehren im Anschlag bei uns. Ihre Blicke starr auf uns und unsere offenen Münder. So standen wir dann dort. Lange. Sehr lange. Keiner sprach ein Wort. Ich wollte doch bloß meinen Zivi machen. Was Soziales. Mit Menschen und so. Mich engagieren.
Bäm. Eine Nebentür vom Hauptgebäude sprang auf. Eine Dame- endlich mal ohne Uniform, dafür aber im burschikos wirkendem Hosenanzug- mit den beiden Grießgram- Uniformierten links und rechts stapften zielstrebig auf uns zu. „Fuck. Putain la merde“, dachte ich, „Wie kommen wir hier wieder raus?“ Als sie unsere Glashütte betrat, musste ich unweigerlich an Condoleezza Rice denken, die Ähnlichkeit war „frappant“, wie der Franzose sagt. Sie musterte uns mit ernster Miene, ich sagte wieder meinen Satz, diesmal mit der größten Untertänigkeit und Freundlichkeit, die ich aufbringen konnte. Sie drehte sich militärisch auf dem Absatz um und verließ den Raum Richtung Hauptgebäude. Der ganze Trupp folgte ihr ungefragt. Condoleezza vorn, dahinter wir zwei dummen Deutschen, schräg hinter uns Jean-Claude und Jean-Pierre mit ihren Waffen unterm Arm. Nach einigen Metern fiel mir auf, dass wir alle im Gleichschritt marschierten. Es ging gar nicht anders. So ging es ins große Hôtel de Brienne, durch viele Gänge, bis wir ein Großraumbüro erreichten. Eine Übersetzerin wurde herbeigerufen, ich erklärte mich auf deutsch, sie übersetzte, alle lachten. Außer meiner Freundin und mir.
Endlich wurden wir aufgeklärt: Wir befanden uns im Verteidigungsministerium von Frankreich. Einen Zivildienst gibt es dort nicht mehr in dieser Form. „Service civil“ ist eine Arbeit in der Administrative des Militärs. In dieser könnten sie mir leider keinen Job geben, mein Französisch sei dazu zu schlecht. Endlich konnten auch wir lachen und waren froh bald wieder mit unseren Ausweisen auf der Straße, in der Freiheit zu sein.
Auf dem Heimweg zu meinem Onkel, der noch heute ganz in der Nähe vom Grands Boulevards im 10. Arrondissement wohnt, gingen wir noch zum Canal um nach diesem Erlebnis und der ja nun doch gescheiterten Zivildienststellensuche dort noch ein Bier zu trinken. Wir liefen durch die rue Lucien Sampaix. Da las ich es: AJEFA KINDER ECOLE FRANCO ALLEMANDE. Ich klopfte. Ein paar Wochen später zog ich nach Paris und fing dort an zu arbeiten. Ich war von nun an in der Gruppe mit den 3- 5jährigen, die mich oft mit offenem Mund ansahen, wenn ich versuchte ihnen unsere deutsche Sprache näherzubringen, genauso sah ich sie an, wenn sie mir in perfektem französisch antworteten.
Mon Dieu, war das lehrrreische…

Im Laufe dieses wunderbaren Jahres erzählte mir eines Abends die Schauspielerin, Autorin und Regisseurin Catherine Courel Locicero als sie ihre kleine Tochter gerade bei mir abholte, dass sie ein Stück namens „Enfants de la honte“ geschrieben habe und dafür noch die Rolle des jungen Wehrmachtssoldaten „Horst“ suche, der sich im 2. Weltkrieg während der deutschen Besatzung in Frankreich unsterblich in die junge Französin „Louise“ verliebt. Das Ganze würde im Theatre Montansier, dem Theater im Schloss Versailles stattfinden. Ob ich einen deutschen Schauspieler kennen würde, der französisch mit einem harten deutschen Akzent parliere und ungefähr in meinem Alter wäre. Ich öffnete meinen Mund und sagte: „Wii, zä moa!“

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Robert Speidel, 1984 in Braunschweig