Heiidrun Fiedler

Heidrun Fiedler

Allgemein

Ich sitze im Whirlpool. Angenehm blubbern die Blasen durch das Wasser. Meine Brüste schwimmen an der Oberfläche. Mein Nacken entspannt sich, als würden sich Kilos um Kilos von meinem Büroalltag lösen und gen Meeresboden sinken. Mein Blick fällt auf die Menschen.
Sie sind wie sie sind – in der Sauna. Jeder, der hier ist, kann nichts faken. Hast du einen Bauch, hast du einen Bauch. Hast du Pickel auf dem Rücken und rote Haare an der Muschi, dann ist das so. Punkt um. Man setzt sich zusammen in einen Raum mit anderen Menschen und schwitzt. Ohne Deo, ohne Musik, ohne Smartphone, ohne Zeitung – einfach pur. Mit sich selbst und den anderen, ohne Kompromisse.
In der Heu-Sauna ist gerade Aufguss gewesen. Mehrere dickbäuchige Männer kommen agil aus dem heißen Holzkämmerchen heraus. Sie gehen zum kalten Becken und tauchen ihre Körper in das eisige Wasser. Dabei jauchzen sie. Ihre Penisse werden fast von den Bäuchen verdeckt. Sie sind glücklich zusammen. Sinnlich. Gerne würde ich sie jetzt malen. Tja, Malerin müsste man sein.
Das blubbern des Whirlpools hört auf.
Gibt es oft Zusammenbrüche in der Sauna? Ein Szenario ploppt in meinen Gedanken auf: Du kommst  aus der heißen Sauna aus und dann >Klatsch< verschwitzt, von der Hitze aufgedunsen, mit all deinen Kilos und den geschwänzten Stunden im Fitnessstudio gehst du zu Boden. Bewusstlos, schwer, nackt auf dem Boden der Tatsachen. Da liegst du nun… Irgendwen wird es schon geben, der dir hochhilft. Dich anfasst, dich und deinen und verschwitzten Körper. Jemanden, der dich „Haufen“ vom Boden aufkratzt. Erbärmlich und sensationell peinlich – denke ich.
Zwei Frauen besteigen den Whirlpool. Sie sind perfekt rasiert im Schambereich. Zwei Grazien. Sie schalten die Blubberblasen ein und ich fühle mich irgendwie verdrängt aus meinem Whirlpool. Bevor ich gehen kann, schauen sich die Frauen tief in die Augen und küssen sich. Nicht einfach so küssen – das ist ein „erste Sahne Traumkuss“. Oh mein Gott, ist das sexy…. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Ich würde mich jetzt gerne von den Blubberblasen zu ihnen rüber treiben lassen und mit ihnen rum-machen. Oh mein Gott…. Sie spüren. Oh mein Gott…. Mich in die Blubberblasen fallen lassen, als wäre es Sekt. Meine Finger nicht bei mir behalten müssen. …Peng – eine von den beiden Grazien sieht mich an. Sie sieht mich und mein Verlangen. Sie knutscht mit ihrer Partnerin weiter, blickt dabei aber mich an. Das ist eine Einladung. Himmel, das ist eine Einladung. Ich merke, dass mein Mund offen steht. Aber ich kann nichts machen. – Außer schlucken. Ein Mal, zwei Mal, drei Mal. – Ich muss hier raus! Das geht so nicht! Raus hier. Fort. Hilfe.
Ich nehme all meine Kraft zusammen und hieve mich mit einer stringenten Bewegung aus dem Becken. Wohin? Irgendwohin. Ich habe meinen Bademantel im Gehen noch nicht einmal richtig an, da werfe ich ihn schon wieder ab und biege in die Dampfsauna. Ich suche mir ganz hinten einen Platz. Irgendwo auf der letzten Bank. Da wo ich gut versteckt bin. Ich atme tief durch. Ja, die Eukalyptus-Dampf-Luft tut gut. Das macht wieder einen klaren Geist! Oh Gott – Danke. Das war jetzt genau richtig. Hier bin ich sicher. In der Sauna rum machen, so weit kommt es noch. Geradezu mit zwei Frauen! Konnte ja nochmal abgewendet werden. Save.
Ein Holzbehälter wird von rechts in mein Bild gereicht. An dem Holzbehälter hängt eine Hand und daran ein Leib Mensch mit Bart. „Möchten sie?“, „Was?“, „Möchten sie Salz? … Zum Einreiben! Möchten Sie Salz zum Einreiben?“„Ah. Ja. Danke. Gerne!“ Ich nehme mir eine Hand Salz aus dem Holzfässchen und reiche den Topf zu meinem Sitznachbarn auf der Linken. Ich reibe mich zögerlich an den Beinen damit ein. Ein lustiges Gefühl… Hey, das wäre doch auch was für mein Dekolleté und mein Gesicht! Das ist Wellness pur für die Haut. Das ganz Ursprüngliche. Salz – das Salz der Erde. Das ist herrlich, das habe ich jetzt gebraucht. Pflege von Mutter Natur, nicht aus der Tube. „Entschuldigung, darf ich noch mal?“ Ich nehme noch eine Handvoll aus dem Salzfässchen, welches mein Sitznachbar auf dem Boden vor sich abgestellt hat, um erst mein Dekolleté einzureiben und dann mein Gesicht. Porentiefe Reinheit. Herrlich. Ich werde morgen wie eine Göttin ins Büro kommen. Mann, wird man Augen für mich haben!
Die Dampfsauna befüllt sich langsam. Das lesbische Pärchen ist dazu gekommen und auch das Herrenklübchen mit den Bäuchen hat auf den Bänken Platz genommen. Ich rubbele das Salz nochmal kräftig durch das Gesicht.
Mein eines Auge tränt etwas. Ist wohl etwas Salz reingekommen. Ist ja auch im Grunde logisch. Ich war ja auch sehr großzügig mit dem Salz. Ok, jetzt tränt das andere auch etwas. Oh je. Das ist jetzt blöd. Ich spüre ein Brennen. Oh mein Gott! DAS BRENNT WIE HULLE! Nein. Ich muss es auswaschen gehen, bevor es noch doller brennt und ich die Augen nicht mehr öffnen kann. Fuck, es brennt doller, ich kann die Augen nicht mehr öffnen! Nein! Was tue ich?! Ich sitze auf der hintersten Bank im Dampfbad und kann nicht raus. Um mich herum lauter erfahrene Saunagänger, die natürlich wissen, dass man sich das Salz nicht in die Augen schmiert. Wenn ich jetzt sage, dass ich Salz in den Auge habe, werden sie mich auslachen! Nein, wie furchtbar. Es brennt wie Sau, hoch Hundert. Ich versuche die Augen einen kleinen Schlitz auf zu bekommen, sodass ich den Weg zur Tür abschätzen kann. Einen kleinen Schlitz nur, hoffe ich. Hilfe, ich sehe nur Dampf-Schwaden! Meine Augen Tränen und es brennt unfassbar.
„Du bist verkle-emmt, du bist verkle-emmt!“ höre ich die anderen Kinder aus dem Zeltlager plötzlich rufen. Ich bin 11 Jahre alt. Ganz allein sitze ich auf meiner Luftmatratze. Die anderen aus meiner Zeltlager-Gruppe haben diesen Sprechgesang für mich entworfen. Sie tragen nämlich schon einen BH und knutschen mit den Jungs. „Du bist verkle-emmt du bist verkle-emmt“. Mir rinnen Tränen über das Gesicht, auf das sie mit Edding einen Penis gemalt haben. Wo ist meine Gruppenleiterin? Sie ist nicht da. Die anderen Kinder dürfen nicht so gemein zu mir sein, sie dürfen es einfach nicht! Wo ist sie nur!? „Du bist verkle-emmt. Du bist verkle-emmt!“ Verdammte Scheiße, jetzt haben die Jungs aus dem Nachbarzelt es auch schon gehört. Sie sind dazu gekommen und stimmen mit in den Chor ein. Ausgerechnet! Bitte nicht! Bitte nicht!
Meine Hand sucht meinen Kuschel-Hasen. Wo ist er nur? Nicht unter dem Kopfkissen! Nicht im Schlafsack! Kuschelhase, wo bist du? Bitte, lieber Gott, lass ihn in der Reisetasche sein. Nicht in der Reisetasche! Kuschelhase, ich brauche dich jetzt ganz dringend. Kuschelhase, du ungezogener, was machst du denn im Rucksack mit den Gesellschaftsspielen?!! Jedenfalls bist du jetzt da. Ich nehme ihn ganz fest in den Arm. Mir doch egal, was die anderen rufen. Jetzt kann mir nichts mehr passieren. Kuschel-Hase ist bei mir.
Das brennen in den Augen lässt nach. Dem Himmel sei dank, ich kann sie wieder öffnen…. Das Dampfbad ist leer. Ich kann den Ausgang problemlos erkennen. Was für ein Glück. Raus, ich bin draußen. Huch, bin wohl etwas schnell…! Ach, ich halt mich einfach am Handtuchhal-
// Black. //
“Hallo?!“ Hören Sie mich?“ Ich öffne die Augen. Mein aufgequollener, salzgepeelter, halbstündig dampf-gegarter Körper ist zu Boden gegangen. Ich liege auf dem Rücken. Eine fremde Frau hält meine Beine in die Luft. „Das ist der Kreislauf. Geht´s wieder?“ Ich nicke langsam. „Ich bin übrigens Siegrid. Ist mir auch schon mal passiert.“

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Heidrun Fiedler, geboren 1987 in Ankum
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