Lukas Benjamin Engel

Lukas Benjamin Engel

Allgemein

Ich habe Sieben Narben an meinem Körper. Das liegt zum einen an meiner Tollpatschigkeit zum andern an meinem großen Bruder. Man sagt, jede Narbe erzählt eine Geschichte und irgendwie finde ich viel Wahres an diesem Sprichwort, denn all diese Unfälle sind ein Teil von mir, Sie erinnern mich an eine Zeit meines Lebens und auch wenn einige dieser Narben nicht unbedingt schön sind oder die Unfälle äußerst schmerzhaft oder unnötig waren, möchte ich sie dennoch nicht missen.

Das mit der Tollpatschigkeit fing schon sehr früh an, eine Tollpatschigkeit, die meist aus einer sehr naiven Sicht der Dinge entsteht, einer großen Neugier oder einfach einem unbedingten Willen etwas auszuprobieren und zu erleben zu wollen.

So bin ich schon mit 3 Jahren, als meine Mutter kurz nicht aufgepasst hat, in eine noch rotierende Töpferscheibe gerannt, die nur knapp mein Auge verfehlt hat. 5 Stiche unter meiner linken Augenbraue erinnern daran.

Das ist was passiert ist…

Aber das ist noch keine Geschichte! Und würde mich jemand fragen, woher hast du denn die Narbe unter deinem Auge, wäre er von dieser kurzen Berichterstattung wahrscheinlich enttäuscht. Wir wollen doch spannende, fantasievolle Geschichten hören und keine Berichterstattungen. Und was für eine Freude macht es solche Geschichten zu erzählen!

Ich erzähle also normalerweise, dass ich schon immer ein sehr interessiertes Kind war und große Freude an sich drehenden Dingen hatte, das gipfelte darin, dass ich einmal als meine Mutter mich beim Töpfern dabei hatte, den unbedingten Willen entwickelt habe, dieses wunderschöne sich drehende Ding fassen zu können und so ist klein Lukas, weil er dieses Wunder umarmen wollte an die Narbe unter seinem Auge gekommen.

Manchmal entscheide ich mich aber auch eine ganz andere Geschichte zu erzählen, denn ich habe die Erfahrung gemacht es kommt im Leben sehr oft nicht auf die Wahrheit an, sondern auf die Art und Weise wie eine Geschichte erzählt wird.

Die Narben meiner Kindheit habe ich meinem großen Bruder zu verdanken, der aufgrund der einfachen Tatsache, dass er vier Jahre älter ist als ich, in dieser Zeit seine Kraft und Koordination im Umgang mit seinem kleinen Bruder nicht allzu gut dosieren konnte. So hat er mich einmal im Skiurlaub als ich Ski und er Snowboard fahren lernte, am Hang dermaßen über den Haufen gefahren, dass ich auf der Piste eine Platzwunde davon trug…

Ein anderes Mal hat er mich beim Raufen im Schwimmbad mit so viel Schwung aus dem Wasser gehoben, dass ich mit dem Kopf gegen den Schwimmbeckenrand krachte und ein 3 Zentimeter tiefes Loch im Kopf hatte und sich das Wasser rot färbte.

Mein Bruder war trotz vieler solcher Unfälle dennoch mein größtes Vorbild in dieser Zeit und sagte mal den Satz: „Wenn dir einer weh tut, dann bin ich das!“ Kurz darauf, vermöbelte er alleine drei Schulhofschläger die mich schon seit mehreren Wochen hänselten und mobbten. So erinnern mich diese Narben immer an meinen großen Bruder, der immer für mich da ist, auch wenn seine Nähe und vor allem seine Impulsivität manchmal weh tut.

Eine meiner jüngsten Narben habe ich von einem beherzten Kopfsprung in Finnland der mich mit der Stirn auf Grund gehen ließ… eigentlich wussten mein bester Freund und ich schon die gesamten zwei Urlaubswochen dass der Wasserstand dieses Jahr extrem niedrig ist, aber am letzten Tag hatten wir dennoch die Idee noch einen besonders blöden letzten Sprung vom Steg in den See zu machen. Er entschied sich für einen Bauchplatscher und nachdem ich mich schon über seine dumme Wahl lustig machte und zu meinem Seemanskopfsprung ansetzte (das ist ein Kopfsprung mit den Händen auf dem Rücken), merkte ich im Sprung, wer der eigentlich Dumme von uns beiden war… Ein Glück, dass mein bester Freund Medizin studiert, denn das nächste Krankenhaus war mehrere Stunden entfernt per Boot… und so wurden zunächst alle Sandkörner aus meiner Wunde gepflückt und mir dann ein improvisierter Verband aus Klebeband und Pflastern angelegt, der mich wie ein Boxer aussehen ließ. Auch hier erzählte ich den Leuten am liebsten, dass ich mich in der finnischen Fauna mit einem Elch angelegt hatte und trage die Geschichte lachend im Herzen.

Die anderen Geschichten seien an anderer Stelle erzählt und wer weiß schon ob ich euch hier die Wahrheit erzählt habe… das einzige jedoch was wichtig ist – und das gilt für das Leben, das Schauspiel, wie für die Narben – es kommt nur auf die Art und Weise an, wie man eine Geschichte erzählt.

____________

Lukas Benjamin Engel, geboren 1988 in Kirchheim-Bolanden
Agentur