Franziska Endres

Franziska Endres

Allgemein

Meine Beziehung zum Fussball ist schnell erklärt. Ist mir so was von egal. Das langweiligste, was das Fernsehen zu bieten hat. Also für mich, schon klar.

Ich habe mich gerade einigermaßen von der WM 2014 erholt, da steht die EM schon vor der Tür. Verdammt. Geht das wieder los. Mein Freund, der sonst so verkopfte Sozialwissenschaftler, der es schlimm findet, dass ich manchmal binge watche, Fernsehen generell für allgemeingefährlich und Computerspiele für den Untergang der Zivilisation hält, läuft schon einen Monat vorher mit dem Smartphone vor der Nase gegen einen Laternenpfahl, bei dem Versuch irgendwelche Hintergrundinfos ausfindig zu machen. Eigentlich wollten wir essen gehen.

Er und all meine Freunde werden sich für vier Wochen in Zombies verwandeln, und ich werde allein und einsam auf diesem Planeten umherwandeln. Oder beim Mitschauen verschimmeln vor Langeweile. Ja, ich schaue manchmal mit, ich gebe mir Mühe, mich sozial zu verhalten.

Das einzige was mir durch diese düstere Zeit helfen könnte, habe ich während der letzten WM ausprobiert. Tippspiel. In meiner sportlichen Ahnungslosigkeit landete ich auf einem der vordersten Plätze. Das gewonnene Geld habe ich in einen Flatscreen investiert, um unseren alten Röhrenfernseher zu ersetzen. Damit die nächste EM in besserer Qualität geguckt werden kann. Moment…

Oh ja, so weit war es gekommen. Für kurze Zeit war ich infiziert. Eher von Gewinnsucht als von sportlichem Interesse, aber immerhin. Doch der Effekt ist längst verpufft und ein zweites Mal wird mir das Tippglück ohnehin nicht hold sein. Man stelle sich vor, wie sehr mir DAS die Laune erst verhagelt. Ödnis UND Versagen beim Tippen.

Viel Arbeit würde mich trösten. Meine klammheimliche Hoffnung ist, dass es Kollegen gibt, die sich EM-bedingt weniger als sonst den ohnehin so blankgeputzten Türklinken widmen. Beim Synchron, beim Film und überhaupt. Ich erinnere mich an diverse Sommertheatervorstellungen, bei denen Kollegen den Applaus schwänzten, um im Kostüm in der nächstgelegenen Kneipe die Verlängerung noch mitzukriegen. Es wurden Kameramänner gesichtet, die einen Extra-Monitor ans Arbeitsgerät geschraubt hatten. Ich kenne einen Schauspieler, der seine Elternzeit so gelegt hat, dass sie zufällig den EM-Zeitraum abdeckt u.s.w. Das heißt ich könnte vielleicht noch mehr arbeiten als sonst. Hm.

Und wenn nicht?

Na gut. Ich habe Kinder, da kriegt man Zeit generell problemlos rum, so ein Vater muss ja nicht IMMER dabei sein. Doch während ich über idyllisch leere Badestrände an der Berliner Seenplatte nachdenke, schwant mir furchtbares.

Meine Tochter sitzt im Fahrradanhänger, zusammen mit ihrem kleinen Bruder, der sie aufmerksam betrachtet, und singt seit fünf Minuten aus voller Kehle: „Deutschlaaaaand!!! Deutschlaaaaand!!!“ Wir fahren gerade an einer Notunterkunft für Flüchtlinge vorbei. Während ich vor Scham knallrot werde, dämmert mir, dass mein Nachwuchs das Schoko-Mango-Himbeer-Eis in ihrer Lieblingseisdiele meint, zu der sie möchte. Anlässlich der letzten WM gab’s da alle Flaggen im Eisgewand, nur aus natürlichen Zutaten selbstverständlich – Portugal: Kiwi-Himbeer, Japan: Himbeer-Joghurt, Frankreich: Heidelbeer-Zitrone-Kirsche u.s.w.

Nach einer gefühlten Ewigkeit Schlangestehen sind wir endlich am Eistresen angekommen. Die beiden überlegen konzentriert, für was sie sich entscheiden sollen. Der kürzere zieht schließlich wie üblich mit einer Schokokugel „mit Sstreußln un Gummidia“ ab (ohne so was kann eine Eisdiele im Prenzlauer Berg nicht mehr überleben). Und meine Tochter erklärt mit schwarz-rot-gold-verschmiertem Mund: „Mama, ich muss glaub ich doch mal mit Papa Fußball gucken. Eigentlich ist das ja langweilig, aber ich will wissen welche Eisfarben am besten spielen.“ Hatte ich es doch befürchtet.

Ja, ich könnte natürlich auch Dostojewski lesen oder mir Programmieren beibringen, aber dann müsste ich einen schalldichten Raum auftreiben, damit mich Freudengebrüll und das Krachen der Megaböller von draußen nicht ablenken. Ich finde, das geht dann doch zu weit.

Update zwei Wochen später, nach dem DFB-Pokal-Finale:

Ich habe entschieden, doch noch eine Runde Tippspiel einzulegen. Wir brauchen unbedingt einen zweiten Fernseher und eine größere Wohnung, denn Netflix auf dem Smartphone in der Besenkammer ist auch keine Lösung.

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Franziska Endres, geboren 1982 in Leipzig
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