Emma Drogunova

Emma Drogunova

Allgemein

Geboren wurde ich in Tjumen. Kein Schwein weiß wo das ist, also sage ich immer nur Sibirien. Dann kommt meistens ein: „Oh, da ist es bestimmt kalt oder?“ und dann sag ich: „Ja, aber im Sommer ist es heiß.“ so als würde ich mich daran erinnern und dann wird meistens über etwas anderes geredet.

Als ich zwei Jahre alt war zogen wir nach Berlin. Ich kam in den Kindergarten und die Geschichte, die jetzt kommt, habe ich selbst nicht so bewusst wahrgenommen, sondern nur von meiner Mutter erzählt gekriegt. Ich war wohl schon immer ein aufgewecktes, quirliges Etwas gewesen, das gerne viel und mit jedem reden wollte. In Russland auf Russisch. Da kam ich dann in ein fremdes Land, mit fremden Leuten, die eine mir komplett fremde Sprache sprachen. Das alles war wohl so einschüchternd für mich, dass ich erstmal gar nichts mehr sagen wollte und verstummte für 2 Monate. Bis Birgit kam. Die sanfteste Kindergärtnerin mit einem so vollen Busen, in den ich all meine Tränen vergoss, wenn Mama mich morgens abgab. Ich liebte diese Frau und so fing ich dank ihr langsam wieder an zu sprechen. In Deutschland auf Deutsch. Jedoch hatte dieser Sprachenwechsel mir wohl so ein Trauma hinterlassen, dass ich furchtbar anfing zu stottern. (Dieses Wort „stottern“ ist auch sehr fies auszusprechen für einen Stotterer). Bis ich 10 war, war das noch süß und kein all zu großes Thema, obwohl ich es gehasst habe zur Logopädin gehen zu müssen um irgendwelche Wattebäusche und Korken in den Mund zu nehmen. Es gab mir das Gefühl, nicht ok zu sein so wie ich bin.

Schlimm wurde es jedoch erst als ich aufs Gymnasium kam. Ich schrieb gerne Texte und Gedichte und mochte es auch diese zu präsentieren. Nur war da halt immer dieses Gefühl bevor ich anfing. Dieser Stein auf der Brust, der mir die Luft abschnürte. Diese Panik, dass es gleich wieder losgehen würde. Dieses Rausquetschen von Lauten. Ich hatte Angst. So große Angst, dass ich mich irgendwann dazu entschied meine Texte nur noch von meiner Sitznachbarin oder meinem Lehrer vortragen zu lassen.

Das zog sich bis in die mündliche Abiturprüfung, die ich mit dem Satz: „Lassen Sie mir bitte etwas Zeit, ich stottere nämlich“ begann.
Zu dem Zeitpunkt hatte ich bereits einige Dreherfahrung gesammelt und Leute fragten mich, wie ich das denn machen würde mit dem Sprachproblem am Set.

Witzigerweise war es da gar kein Problem. Vor der Kamera ließ mich das Gefühl in Ruhe und Leute reagierten überrascht, wenn ich ihnen erzählte, dass ich stottere. Das gab mir den Beweis, dass ich es auch komplett aus meinem privaten Leben verbannen kann, wenn ich will. Und so fing ich an Artikulationsübungen zu machen, mir mehr Zeit zu geben für das was ich zu sagen hatte und sah, dass die Leute Verständnis zeigten. Ich baute Selbstvertrauen auf, wollte mich wieder zeigen und gerne beim Amt anrufen und das „g“ in „Drogunova“ aussprechen. Das gab mir mit 18 ein Gefühl von Selbstständigkeit, das mein Lebensgefühl für immer veränderte.

Heute passiert es zwar immer noch manchmal, dass ich anhalten muss in einem Satz, aber da tu ich dann einfach so als würde der Gedanke, der grad mein Hirn passiert, so grandios sein, dass ich ihm mit dieser Pause einfach mehr Würde verleihen möchte.

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Emma Drogunova, geboren 1995 in Tjumen, Russland
Agentur